In der Welt des Controllings und der Kostenrechnung gibt es einen ewigen Konflikt: Vollkostenrechnung vs. Teilkostenrechnung. Beide Systeme haben ihre Daseinsberechtigung, doch sie liefern oft völlig unterschiedliche Antworten auf die Frage: „Ist dieses Produkt eigentlich profitabel?“
Während die Vollkostenrechnung versucht, alle Kosten auf die Kostenträger zu verteilen, konzentriert sich die Teilkostenrechnung auf die variablen Kosten und den Deckungsbeitrag. Die falsche Wahl des Systems kann zu fatalen unternehmerischen Fehlentscheidungen führen – etwa, wenn profitable Aufträge abgelehnt werden, weil sie angeblich die „Vollkosten“ nicht decken.
In diesem Artikel beleuchten wir die Unterschiede, Formeln und Anwendungsbereiche beider Methoden, unterstützt durch visuelle Darstellungen und einen interaktiven Rechner.
Was ist die Vollkostenrechnung?
Die Vollkostenrechnung ist das traditionelle System der Kostenrechnung. Ihr Grundprinzip lautet: Alle im Unternehmen anfallenden Kosten (sowohl variable als auch fixe) müssen auf die Kostenträger (Produkte oder Dienstleistungen) verteilt werden.
Das Ziel ist es, die langfristige Preisuntergrenze zu ermitteln. Wenn Sie ein Produkt verkaufen, muss der Preis langfristig alle Kosten decken, inklusive Miete, Gehälter der Verwaltung und Abschreibungen.
Das Problem der Fixkostenproportionalisierung
Ein Hauptkritikpunkt an der Vollkostenrechnung ist die sogenannte „Fixkostenproportionalisierung“. Fixkosten (wie Miete) fallen unabhängig von der Produktionsmenge an. Wenn man diese jedoch auf die Stückzahl umlegt, scheinen sie variabel zu sein.
Die Gefahr: Sinkt die Absatzmenge \(x\), steigen rechnerisch die Stückkosten, da die Fixkosten auf weniger Einheiten verteilt werden. Würde man nun die Preise erhöhen, um die Kosten zu decken, sinkt die Nachfrage oft weiter – ein Teufelskreis.
Was ist die Teilkostenrechnung?
Die Teilkostenrechnung (auch Direct Costing oder Deckungsbeitragsrechnung genannt) verrechnet nur die variablen Kosten direkt auf die Kostenträger. Die Fixkosten werden nicht auf die einzelnen Produkte verteilt, sondern als Block direkt in das Betriebsergebnis übernommen.
Dieses Verfahren eignet sich hervorragend für kurzfristige Entscheidungen, wie zum Beispiel die Annahme eines Zusatzauftrags zu einem niedrigeren Preis.
Der Deckungsbeitrag
Das zentrale Element der Teilkostenrechnung ist der Deckungsbeitrag (DB). Er zeigt an, wie viel ein Produkt zur Deckung der Fixkosten beiträgt.
Solange der Deckungsbeitrag positiv ist (\(DB > 0\)), trägt das Produkt zur Fixkostendeckung bei und verbessert das Betriebsergebnis – selbst wenn die Vollkosten rechnerisch noch nicht gedeckt sind.
Direkter Vergleich: Vor- und Nachteile
| Kriterium | Vollkostenrechnung | Teilkostenrechnung |
|---|---|---|
| Kostenumfang | Variable + Fixe Kosten | Nur variable Kosten |
| Zeitraum | Langfristig | Kurzfristig |
| Anwendung | Bestandsbewertung (HGB), langfristige Preispolitik | Sortimentsentscheidungen, Break-Even-Analyse, Zusatzaufträge |
| Nachteil | Gefahr von Fehlentscheidungen bei Beschäftigungsschwankungen | Gefahr der langfristigen Unterdeckung der Fixkosten |
Interaktiver Rechner: Deckungsbeitrag vs. Vollkosten
Nutzen Sie diesen Rechner, um zu sehen, wie sich Fixkosten auf die Stückkosten auswirken und wie hoch Ihr Deckungsbeitrag ist.
Fazit: Wann welches Verfahren nutzen?
Es gibt keinen Gewinner im Duell Vollkostenrechnung vs. Teilkostenrechnung, da beide unterschiedliche Zwecke erfüllen. Ein modernes Controlling nutzt oft beide Systeme parallel:
- Nutzen Sie die Teilkostenrechnung für interne Steuerungszwecke, Sortimentsentscheidungen und kurzfristige Preisuntergrenzen.
- Nutzen Sie die Vollkostenrechnung für die langfristige strategische Planung und die externe Rechnungslegung, um sicherzustellen, dass Ihr Unternehmen langfristig alle Kosten deckt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum ist die Vollkostenrechnung für kurzfristige Entscheidungen ungeeignet?
Weil sie Fixkosten proportionalisiert. Bei einem Zusatzauftrag entstehen keine neuen Fixkosten. Die Vollkostenrechnung suggeriert jedoch, dass jeder Auftrag diese Kosten tragen muss, was dazu führen kann, dass profitable Aufträge (mit positivem Deckungsbeitrag) abgelehnt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Einzelkosten und Gemeinkosten?
Einzelkosten können einem Produkt direkt zugeordnet werden (z.B. Holz für einen Tisch). Gemeinkosten fallen für das gesamte Unternehmen an und sind nicht direkt zuordenbar (z.B. Miete der Fabrikhalle, Gehalt des Geschäftsführers).