Stellen Sie sich vor, Sie besitzen eine Immobilie und nutzen diese für Ihr eigenes Unternehmen. In Ihrer Gewinn- und Verlustrechnung taucht keine Mietzahlung auf – schließlich zahlen Sie keine Miete an sich selbst. Klingt nach einem Vorteil, oder? Doch Vorsicht: Wenn Sie Ihre Preise ohne diesen Kostenfaktor kalkulieren, betrügen Sie sich womöglich selbst um wertvollen Gewinn. Hier kommt die kalkulatorische Miete ins Spiel.
In diesem Artikel erfahren Sie, warum Sie Kosten berücksichtigen müssen, die gar nicht auf dem Bankkonto anfallen, und wie Sie diese präzise berechnen, um Ihre Wirtschaftlichkeit realistisch einzuschätzen.
Was ist die kalkulatorische Miete?
Die kalkulatorische Miete gehört in der Betriebswirtschaftslehre zu den sogenannten kalkulatorischen Kosten. Sie wird in der Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) angesetzt, wenn ein Unternehmer eigene Räumlichkeiten für betriebliche Zwecke nutzt, ohne dass dafür eine tatsächliche Mietzahlung fließt (z. B. bei Einzelunternehmern oder Personengesellschaften).
Im Gegensatz zur Finanzbuchhaltung (FiBu), die nur tatsächliche Ausgaben erfasst, bildet die KLR den wertezehrenden Prozess ab. Die kalkulatorische Miete stellt dabei sogenannte Zusatzkosten dar – Kosten, denen in der Buchhaltung kein direkter Aufwand gegenübersteht.
Warum ist die kalkulatorische Miete wichtig?
Der Hauptgrund für den Ansatz einer kalkulatorischen Miete liegt im Prinzip der Opportunitätskosten. Würden Sie die Räume nicht selbst nutzen, könnten Sie diese an Dritte vermieten und Einnahmen erzielen. Dieser entgangene Gewinn muss in Ihre Preiskalkulation einfließen.
Die 3 wichtigsten Gründe:
- Vergleichbarkeit: Nur durch den Ansatz fiktiver Mietkosten können Sie Ihren Betriebserfolg mit Wettbewerbern vergleichen, die tatsächlich Miete zahlen müssen.
- Preiskalkulation: Wenn Sie die Miete in Ihren Produktpreisen ignorieren, verkaufen Sie Ihre Leistung zu günstig. Sollten Sie später in gemietete Räume umziehen, müssten Sie die Preise drastisch erhöhen, was Kunden abschrecken könnte.
- Substanzerhaltung: Die kalkulatorische Miete hilft sicherzustellen, dass der Wertverzehr der Immobilie und das gebundene Kapital erwirtschaftet werden.
Wie berechnet man die kalkulatorische Miete?
Die Berechnung orientiert sich nicht an steuerlichen Abschreibungen, sondern am realen Marktwert. Maßgeblich ist die ortsübliche Vergleichsmiete für gewerbliche Räume ähnlicher Ausstattung und Lage.
Für detaillierte Informationen zu ortsüblichen Mieten können Sie Mietspiegel Ihrer Gemeinde oder Berichte der lokalen Industrie- und Handelskammer (IHK) heranziehen.
Interaktiver Rechner: Kalkulatorische Miete ermitteln
Nutzen Sie diesen Rechner, um schnell zu ermitteln, welchen Betrag Sie monatlich und jährlich in Ihre Kostenrechnung aufnehmen sollten.
Praxisbeispiel: Der Unterschied in Zahlen
Schauen wir uns ein konkretes Beispiel an. Ein Handwerksmeister nutzt eine Werkstatt im eigenen Haus. Die Fläche beträgt 100 m². Die ortsübliche Miete liegt bei 10 €/m².
| Kostenart | Finanzbuchhaltung (FiBu) | Kostenrechnung (KLR) |
|---|---|---|
| Mietaufwand (extern) | 0,00 € | 0,00 € |
| Kalkulatorische Miete | - | 1.000,00 € |
| Relevante Kostenbasis | 0,00 € | 1.000,00 € |
Das Ergebnis: Würde der Handwerker seine Preise nur auf Basis der FiBu kalkulieren, würden ihm monatlich 1.000 € in der Kalkulation fehlen. Er würde seine Dienstleistung zu billig anbieten und langfristig Vermögen verzehren, statt Gewinn zu erwirtschaften.
Häufige Fehler bei der Anwendung
Auch wenn das Konzept logisch erscheint, schleichen sich in der Praxis oft Fehler ein:
- Veraltete Werte: Der Mietspiegel ändert sich. Wer mit Werten von vor 10 Jahren rechnet, kalkuliert falsch.
- Mischung von Privat und Gewerbe: Nur die tatsächlich betrieblich genutzte Fläche darf angesetzt werden.
- Doppelzählung: Wenn bereits Abschreibungen oder Zinsen für das Gebäude in der Kostenrechnung stehen, muss genau geprüft werden, ob die kalkulatorische Miete diese ersetzt (was üblich ist) oder ergänzt. In der reinen Kostenrechnung ersetzt die kalkulatorische Miete oft alle gebäudebezogenen Kosten (Abschreibung, Zinsen, Instandhaltung), um die Komplexität zu reduzieren.
Mehr zu den Grundlagen der Kostenartenrechnung finden Sie im Gabler Wirtschaftslexikon.
Fazit
Die kalkulatorische Miete ist kein buchhalterischer Trick, sondern ein notwendiges Instrument für jeden Unternehmer, der im eigenen Eigentum wirtschaftet. Sie macht die tatsächliche Ressourcenbindung transparent und schützt davor, Produkte oder Dienstleistungen unter Wert zu verkaufen. Integrieren Sie diesen Wert in Ihre interne Kostenrechnung, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.