Die Ware wird vom Hersteller bezogen und direkt in ein Zwischenlager eingeliefert. Von diesem wird dann immer nur nach Bedarf eine kleinere Teilmenge der Bestellung zu Amazon eingesendet. Die wenigsten Händler senden ihre Bestellkartons direkt vollständig zu Amazon ein. Dabei kann ein tieferer Blick in die Logistik- und Kostenstrukturen bares Geld wert sein und Ihre Margen bzw. ROIs beträchtlich verbessern.
Für viele Händler, die ihre Waren auf Amazon verkaufen und dabei das Fulfillment von Amazon nutzen, ist Amazon FBA mittlerweile Standardprozess für Versand, Auftragsabwicklung und Retourenmanagement. Die Lager- und Handlingkosten der verschiedenen Logistiker unterscheiden sich dabei von Anbieter zu Anbieter. Trotzdem lässt sich das Grundproblem des Zwischenlagers für alle Logistiker gleichermaßen darstellen.
Was ist ein Zwischenlager?
Ein Zwischenlager ist eine Lagerfläche, die als temporärer Lagerort für Waren dient, bevor sie an Amazon oder andere Verkaufsplattformen weitergeleitet werden. Anstatt die gesamte Importmenge direkt an Amazon zu liefern, unterbringen Händler ihre Bestände zunächst in einem Zwischenlager und senden bedarfsgerecht Teilmengen weiter. Damit lassen sich Einsendebegrenzungen umgehen, der Lagerbestandsindex stabilisieren und die Warenfinanzierung über den Logistiker besichern.

Der zusätzliche Transportweg, die Annahme und Bereitstellung der Zwischenlagerung
Bei der Nutzung eines Zwischenlagers fallen auf den ersten Blick zusätzliche Gebühren für eine zusätzliche Transportstrecke vom Hafen oder Flughafen zum Zwischenlager an. Außerdem berechnen die Logistiker in der Regel eine Gebühr je Annahme (typisch: 5–15€ pro Palette bzw. 1–3€ pro Karton im Wareneingang) und eine Gebühr für die Auslagerung und Bereitstellung der Kartons (häufig 0,50–2€ pro Karton zzgl. FBA-Labeling). Sollte über den Zwischenlager-Dienstleister nicht nur die reine Lagerung in Deutschland übernommen werden, sondern auch der Import und ein verpflichtendes Einlagern der Ware, lassen sich diese zusätzlichen Kosten nicht umgehen. Häufig lassen sich Importe aber über spezielle Anbieter oder das Versandunternehmen des Herstellers organisieren, die je nach Incoterm die Ware nur bis zum Hafen bringen und dort verzollen, ohne sie automatisch in ein Zwischenlager zu bringen.
Das Märchen von den niedrigen Lagerkosten
Hier wird häufig eingewendet, dass den zusätzlichen Kosten für das Zwischenlager die niedrigeren Lagerkosten gegenüberstehen. Dieses Argument ist nur zum Teil richtig – und die Lagerkosten werden von wenigen Händlern tatsächlich für jedes einzelne Produkt überhaupt verglichen.
Je nach Anbieter gibt es verschiedene Lagerkostenmodelle: Abrechnung nach Karton, nach Palette, nach Lagervolumen (m³) oder nach Kombinationen daraus. Dabei sind die Lagerkosten einer Einheit beim Logistiker meistens gar nicht viel günstiger und häufig sogar teurer als die Lagerkosten von Amazon.
Die unterschiedlichen Lagerkostenmodelle – konkrete Beispielrechnung
Als Beispiel dient hier ein Händlerprodukt, in diesem Fall eine 2,2l Trinkflasche für den Sport, mit Abmessungen (inkl. Verpackung) von 25cm x 12cm x 12cm, also einem Volumen von 0,0036 Kubikmetern je Einheit. Von diesen Trinkflaschen sind je Importkarton 10 Stück enthalten.
Ein Logistiker, der eine Lagergebühr von 0,04€ pro Tag pro Karton berechnet, also 1,20€ pro Monat pro Karton, berechnet für eine Trinkflasche eine Lagergebühr von 1,20€ / 10 = 0,12€ pro Monat pro Einheit.
Die Amazon-Lagerkosten für Produkte in Standardgröße liegen (Stand ab 1. März 2023) bei 30,60€ pro Kubikmeter pro Monat von Januar bis September und bei 42,37€ pro Kubikmeter pro Monat von Oktober bis Dezember. Im gewichteten Durchschnitt (9 Monate × 30,60€ + 3 Monate × 42,37€) / 12 ergibt das rund 33,54€ pro Kubikmeter pro Monat. Das entspricht Lagerkosten von 33,54€ × 0,0036 m³ = rund 0,12€ pro Monat pro Einheit – also annähernd identisch mit dem Zwischenlager, in der Hochsaison Oktober–Dezember jedoch mit 42,37€ × 0,0036 m³ = 0,15€ pro Einheit sogar teurer.[1][2]
Wichtig: Zu den reinen Lagerkosten kommen beim Zwischenlager die oben genannten Annahme-, Auslagerungs- und Transportgebühren sowie ggf. FBA-Prep-Gebühren (Etikettierung, Kartonvorbereitung). Rechnet man diese mit ein, verschiebt sich das Ergebnis bei Produkten mit hohem Umschlag klar zugunsten von Amazon FBA.
Gesamtvergleich: Break-Even-Rechnung für unser Beispielprodukt
Nehmen wir an, eine Importpalette mit 80 Kartons (800 Trinkflaschen) wird im Zwischenlager angenommen und innerhalb von vier Monaten in vier Tranchen zu Amazon weitergesendet:
- Wareneingang / Annahme Palette: ca. 10€ pauschal
- Lagergebühr: 80 Kartons × 1,20€ × 2 Monate Ø-Lagerdauer = 192€
- Auslagerung / FBA-Prep: 80 Kartons × 1,50€ = 120€
- Transport zu Amazon (4 Sendungen, anteilig): ca. 80€
- Zusatzkosten Zwischenlager gesamt: ≈ 402€ / 800 Einheiten = 0,50€ pro Einheit
Bei direkter Einsendung an Amazon entfallen diese Zusatzkosten – bei einer durchschnittlichen Lagerdauer von 2 Monaten bei Amazon fallen hingegen rund 0,24€ Lagerkosten pro Einheit an. Die Break-Even-Schwelle liegt bei diesem Produkt also etwa bei einer Amazon-Lagerdauer von vier Monaten; darüber wird das Zwischenlager interessanter, darunter bleibt FBA günstiger.
Entscheidungsmatrix: Wann lohnt sich ein Zwischenlager?
| Kriterium | Zwischenlager lohnt sich eher | Direkt zu Amazon FBA |
|---|---|---|
| Durchschnittliche Lagerdauer bei Amazon | > 4 Monate | < 3 Monate |
| Produktvolumen je Einheit | groß (> 0,01 m³) | klein (< 0,005 m³) |
| Kartonbestückung | hohe Stückzahl pro Karton | niedrige Stückzahl pro Karton |
| Warenfinanzierung nötig | ja (Besicherung über Lager) | nein |
| Lagerbestandsindex / Einsendebegrenzung erreicht | ja | nein |
| Saisonware / Q4-Peak | ja (Hochsaison-Lagergebühr vermeiden) | nein |
| Gebührenstufe ab 271 Tagen / hohe Langzeitlagergebühr ab 365 Tagen[2][3] | ja | nein |
Ergebnis
Die Vorteilhaftigkeit der beiden Varianten hängt von mehreren Faktoren ab: dem Produktvolumen, der Kartonbestückung und – im Vergleich mit den oben genannten Zusatzgebühren – der durchschnittlichen Lagerdauer Ihrer Produkte. Ein Logistiker, der wie Amazon nach Kubikmetern abrechnet, ist bei den Lagerkosten einfacher vergleichbar. Ein Vergleich inklusive der Zusatzkosten ist komplexer und nicht mehr auf Anhieb berechenbar.
Für viele Produkte unserer Klienten haben wir festgestellt, dass die Lagerkosten bei Amazon tatsächlich günstiger sind als die des Zwischenlager-Anbieters. Bezieht man die Zusatzkosten (Annahme, Auslagerung, Transport) mit ein, gilt die Vorteilhaftigkeit des Amazon-Lagers für den Großteil unserer betreuten Produkte.
Trotzdem gibt es in der Praxis viele nicht-monetäre Gründe für ein Zwischenlager. Dazu zählt, dass eine Warenfinanzierung wegen der Besicherung häufig nur in Kombination mit einem Zwischenlager möglich ist. Außerdem hat Amazon die Lagerung langsam drehender Ware deutlich erschwert: Die Einführung des Lagerbestandsindex mit möglichem Lagerbestandsmaximum, die Einsendebegrenzungen auf Produkt- und Lagertyp-Ebene sowie die gestaffelten Gebührenstufen ab 271 Tagen und die eigentliche Langzeitlagergebühr ab 365 Tagen in Höhe von 320€ pro Kubikmeter monatlich[2][3] und der seit Mai 2023 geltende Aufschlag für die Lagernutzung bei hoher Lagerauslastung[2] machen das Einsenden großer Mengen zu Amazon in vielen Fällen schwierig bis unmöglich.
Excel & Google Sheet Vorlagen zur Berechnung Ihrer individuellen Rentabilität
Um die Lagerkosten und -prozesse besser zu verstehen und die Break-Even-Rechnung für Ihr eigenes Sortiment nachzubilden, bieten wir Excel-Vorlagen an, die die oben gezeigte Logik (Lagergebühr FBA vs. Zwischenlager inkl. Annahme, Auslagerung, Transport) bereits vorbereitet enthalten. Weitere Informationen und die kostenlosen Excel-Vorlagen finden Sie unter: Excel Vorlagen für Händler.
Quellen & Referenzen
- [1] REVOIC – Amazon ändert die Versand durch Amazon Gebühren (Jan 2023): Erhöhung der FBA-Lagergebühren für Standardgröße ab 1. März 2023 von 27,82€ auf 30,60€ (Jan–Sep) und von 38,52€ auf 42,37€ (Okt–Dez) — revoic.com
- [2] OnlineMarketing.de – Neue Kapazitätsgrenzen und höhere FBA-Versandgebühren: neue Gebührenstufen für Artikel mit 271–330 bzw. 331–365 Tagen Lagerdauer sowie Aufschlag für die Lagernutzung bei hoher Auslastung — onlinemarketing.de
- [3] eClear – Amazon ändert seine Versandkosten: Langzeitlagergebühr ab 365 Tagen weiterhin 320€ pro Kubikmeter und Monat; neue Stufen zwischen 271–365 Tagen — eclear.com