Stellen Sie sich vor, Sie müssten sechs Bälle gleichzeitig jonglieren, aber sobald Sie einen fangen, fällt ein anderer herunter. Genau so fühlt sich moderne Wirtschaftspolitik an. Das Magische Sechseck ist das zentrale Modell der deutschen Volkswirtschaftslehre, das die idealen – aber oft widersprüchlichen – Ziele staatlichen Handelns beschreibt.
In diesem Artikel erfahren Sie, warum dieses Modell „magisch“ genannt wird, welche sechs Ziele genau dazu gehören und warum wir (fast) nie alle gleichzeitig erreichen können.
Was ist das Magische Sechseck?
Das Magische Sechseck ist eine Erweiterung des traditionellen „Magischen Vierecks“ (gesetzlich verankert im Stabilitätsgesetz von 1967). Es beschreibt sechs gleichrangige Ziele der Wirtschaftspolitik, die den Wohlstand und die Stabilität einer Volkswirtschaft sichern sollen. Der Begriff „magisch“ deutet darauf hin, dass es in der Praxis nahezu unmöglich ist, alle sechs Ziele gleichzeitig und vollständig zu erfüllen, da zwischen ihnen oft Zielkonflikte bestehen.
Die 6 Ziele im Detail
Um zu verstehen, wie Wirtschaftspolitik funktioniert, müssen wir die einzelnen Komponenten betrachten. Die ersten vier stammen aus dem ursprünglichen Stabilitätsgesetz, die letzten beiden wurden ergänzt, um modernen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.
1. Preisniveaustabilität
Ziel ist es, die Inflation (Geldentwertung) so gering wie möglich zu halten. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine Inflationsrate von nahe, aber unter 2 % an. Stabile Preise sorgen dafür, dass Geld seine Kaufkraft behält und Unternehmen sicher planen können.
2. Hoher Beschäftigungsstand
Oft fälschlicherweise als „Vollbeschäftigung“ bezeichnet. In der Realität gilt eine Arbeitslosenquote von unter 3 % bis 4 % als Vollbeschäftigung, da es immer eine gewisse Fluktuation (friktionelle Arbeitslosigkeit) gibt.
3. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
Hierbei geht es darum, dass Exporte und Importe in einem gesunden Verhältnis stehen. Ein Indikator ist der Außenbeitrag (Exportüberschuss). Deutschland als Exportnation hat oft einen sehr hohen Überschuss, was international auch kritisiert wird, da es Ungleichgewichte bei Handelspartnern erzeugen kann.
4. Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum
Gemessen am realen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Ein stetiges Wachstum (oft werden ca. 2–3 % als ideal angesehen) soll Wohlstand sichern und Arbeitsplätze schaffen. „Angemessen“ bedeutet heute auch, dass es nicht zu Lasten künftiger Generationen gehen darf.
5. Umweltschutz
Dieses Ziel wurde ergänzt, da reines Wachstum oft zu Lasten der Natur geht. Klimaschutz, Ressourceneffizienz und die Reduktion von Emissionen sind heute zentrale Bestandteile einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik.
6. Gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung
Der soziale Frieden hängt stark davon ab, ob Wohlstand fair verteilt ist. Gemessen wird dies oft mit dem Gini-Koeffizienten. Ziel ist es, die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu weit auseinanderklaffen zu lassen.
Warum ist es „magisch“? (Zielkonflikte)
Die „Magie“ liegt in der Unmöglichkeit der Perfektion. Sobald der Staat Maßnahmen ergreift, um ein Ziel zu fördern, leidet oft ein anderes. Man spricht von Zielkonflikten.
- Wirtschaftswachstum vs. Umweltschutz: Mehr Produktion führt oft zu mehr CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch (zumindest in der klassischen Industrie).
- Inflation vs. Arbeitslosigkeit (Phillips-Kurve): Um die Arbeitslosigkeit zu senken, kurbelt der Staat oft die Nachfrage an. Das kann jedoch die Preise treiben (Inflation).
Es gibt jedoch auch Zielharmonien: Wirtschaftswachstum führt meist zu einem höheren Beschäftigungsstand.
Für vertiefende Informationen zu diesen Zusammenhängen bietet die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) exzellente Dossiers an.
Interaktiver Rechner: Der „Elendsindex“ (Misery Index)
Ein einfaches Maß, um zu sehen, wie „schlecht“ es einer Volkswirtschaft geht, ist der sogenannte Misery Index (Elendsindex). Er addiert die Arbeitslosenquote und die Inflationsrate. Je höher der Wert, desto größer das wirtschaftliche Unbehagen der Bevölkerung.
Fazit: Ein Kompass, kein Gesetz
Das Magische Sechseck ist kein starres Gesetz, sondern ein Orientierungsrahmen. Es hilft Politikern und Ökonomen, Entscheidungen abzuwägen. In Krisenzeiten (wie einer Pandemie) mag die Preisstabilität kurzzeitig in den Hintergrund rücken, um Arbeitsplätze zu retten. Wichtig ist die Balance über die Zeit.
Aktuelle Daten zu all diesen Indikatoren finden Sie regelmäßig beim Statistischen Bundesamt.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zum Magischen Viereck?
Das Magische Viereck besteht nur aus den ersten vier quantitativen Zielen (Preisstabilität, Beschäftigung, Außenhandel, Wachstum). Das Sechseck ergänzt diese um die qualitativen Ziele Umweltschutz und Einkommensgerechtigkeit.
Welches Ziel ist am wichtigsten?
Gesetzlich sind im Stabilitätsgesetz von 1967 die ersten vier Ziele als gleichrangig definiert. In der Praxis dominiert oft die Debatte um Arbeitsplätze und Inflation die Tagespolitik.